Goethes Erwähnung von Oderberg

Goethes sämtlichen Werke in 40 Bänden, 35.Band, Stuttgart, Verlag der Cotta`schen Buchhandlung, 1871)

Auf Seite 163 schreibt Goethe in einer größeren Abhandlung unter dem Titel Ferneres über Kunst” unter “Granitarbeiten in Berlin (1828)”. Die Granitgeschiebe mannigfaltiger Art, welche sich bald mehr, bald weniger zahlreich in den beiden Marken beisammen oder verteilt finden, wurde seit ungefähr acht Jahren bearbeitet und architektonisch angewendet, und der Wert dieser edlen Gebirgsart, wie sie uns anerkannt. Der erste Versuch war bei dem Piedestal von Luthers Standbilde gemacht, sodann verfertigte man daraus Postamente an der in Berlin neu erbauten Schloßbrücke. Man fing nun an weiter zu gehen, große Geschiebe zu spalten und aus den gewonnenen Stücken Säulenschäfte zu bearbeiten, zugleich Becken von 6 Fuß Diameter, welches alles dadurch möglich war, daß man sich zur Bearbeitung nach und nach der Maschine bediente. Die beiden Steinmetzmeister Wimmer und Trippel haben sich bis jetzt in diesen Arbeiten hervorgetan. Piedestale, Grabmonumente, Schalen und dergleichen werden teils auf Bestellung, teils auf den Kauf gefertigt.

Vorgemeldete Arbeiten waren meistens aus den Granitmassen, welche sich um Oderberg versammelt finden, gefertigt. Nun aber unternahm Herr Bauinspektor Cantan eine wichtige Arbeit. Er trennte den Großen Stein von Neuendorf. Sein Material erwies sich als nicht verwendungsfähig. Nun zog der große Granitblock auf dem Rauischen Berge bei Fürstenwalde, der Markgrafenstein genannt, die Aufmerksamkeit der Künstler auf sich, und man trennte von demselbigen solche Massen, daß eine für daß königliche Museum bestimmte Schale von 22 Fuß Durchmesser daraus gefertigt werden kann.

Weiterhin erwähnt er den Direktor Klöde (u.a. Verfasser der “Geschichte des Oderhandels”) und erhofft von Ihm eine Erklärung dieser Landschaftsentwicklung, die der damaligen Theorie über die Entstehung unserer Gebiete von Werner entsprach. Darum schreibt er: “Glücklich würden wir uns schätzen, wenn Granit hier wirklich in seiner Urlage entstehend gefunden würde, und wir uns der bescheidenen Auflösung eines bisher allzu stürmisch behandelten wichtigen geologischen Problems näher geführt sähen”.

Dies letzten Sätze der Abhandlung sind insofern interessant, als Goethe die bereits zu der Zeit von anderen Gelehrten vertretene Ansicht über einen Transport der Findlinge durch gewaltige Eismassen aus Norden energisch ablehnte und der Theorie von Werner zugetan war, der in Weimar seine Vorlesungen hielt und die Entstehung der Landschaftsform alleine dem Wasser zuschrieb. Die Findlinge sollen danach Reste der vom Wasser gewissermaßen zernagten anstehenden Gebirgsbildungen sein. An anderer Stelle schrieb Goethe, daß ihm niemand nachweisen könne, die riesigen Steine auf den Rauener Bergen seien durch das Eis dorthin gekommen. Übrigens war die Hoffnung auf Klöden nicht in Erfüllung gegangen. Dieser außerordentlich vielseitig gebildete Mann, Direktor der Gewerbehandelsschule zu Berlin, war zwar auch anfangs Anhänger der “Wassertheorie”. Später wurde er jedoch Anhänger der Eiszeittheorie, weil die Wernersche Theorie zu viele Fragen nicht befriedigend erklären konnte. Ob Goethe bis an sein Lebensende Plutonist geblieben war, ist nicht bekannt. Bei dieser Gelegenheit sei darauf verwiesen, daß die in Oderberg noch oft vertretene Meinung, die granitne Schale im Lustgarten zu Berlin wäre aus dem abgesprengten Teil des Großen Steins von Neuendorf angefertigt worden, falsch ist. Der großen Stein besteht aus grauem Granit, die besagte Schale aber aus rotem Granit. Die Schale stammt vom Großen Markgrafenstein. Über den Transport dieses Granitteils existieren Skizzen von Julius Schoppe, an Ort und Stelle aufgezeichnete und auch von diesen Skizzen hergestellte Lithographien von Tempeltei. Beide Künstler waren Goethe bekannt.